täglich mit dem abend
wie sehr an der nacht hängen, ihren schatten vertrauend;
deinem hellichten dunkel folgt mein dunkelstes hell auf dem fuß,
lehnt sich, schmiegt sich in die ausgeblendeten winkel,
zwitschert mir in versfolge einheiten, säugt mich, kleinauf,
wandelt das nicht denkbare in ein glaubensfluizid, greift
gegen die richtung an, die sich nicht verschenkt - und ineinander
drehen wir uns tag um tag und tag ins gesicht zurück,
hängen fürs auge ein mobile übers zerpflügte bett; das wendet
kein blatt, widerruft nicht die zärtlichen worte für harlekin, für die,
die wie wir nicht erfassen, doch fassen, dass liebe notwehr ist.
Montag, 23. November 2009
Gedicht von Ingeborg Bachmann:
Liebe : Dunkler Erdteil
Der schwarze König zeigt die Raubtiernägel,
zehn blasse Monde jagt er in die Bahn,
und er befiehlt den großen Tropenregen.
Die Welt sieht dich vom andern Ende an!
Es zieht dich übers Meer an jene Küsten
aus Gold und Elfenbein, an seinen Mund.
Dort aber liegst du immer auf den Knien,
und er verwirft und wählt dich ohne Grund.
Und er befiehlt die große Mittagswende.
Die Luft zerbricht, das grün und blaue Glas,
die Sonne kocht den Fisch im seichten Wasser,
und um die Büffelherde brennt das Gras.
Ins Jenseits ziehn geblendet Karawanen,
und er peitscht Dünen durch das Wüstenland,
er will dich sehn mit Feuer an den Füßen.
Aus deinen Striemen fließt der rote Sand.
Er, fellig, farbig, ist an deiner Seite,
er greift dich auf, wirft über dich sein Garn.
Um deine Hüften knüpfen sich Lianen,
um deinen Hals kraust sich der fette Farn.
Aus allen Dschungelnischen: Seufzer, Schreie.
Er hebt den Fetisch. Dir entfällt das Wort.
Die süßen Hölzer rühren dunkle Trommeln.
Du blickst gebannt auf deinen Todesort.
Sieh, die Gazellen schweben in den Lüften,
auf halbem Wege hält der Dattelschwarm!
Tabu ist alles: Erden, Früchte, Ströme...
Die Schlange hängt verchromt an deinem Arm.
Er gibt Insignien aus seinen Händen.
Trag die Korallen, geh im hellen Wahn!
Du kannst das Reich um seinen König bringen,
du, selbst geheim, blick sein Geheimnis an.
Um den Äquator sinken alle Schranken.
Der Panther steht allein im Liebesraum.
Er setzt herüber aus dem Tal des Todes,
und seine Pranke schleift den Himmelssaum.
Ingeborg Bachmann
Der schwarze König zeigt die Raubtiernägel,
zehn blasse Monde jagt er in die Bahn,
und er befiehlt den großen Tropenregen.
Die Welt sieht dich vom andern Ende an!
Es zieht dich übers Meer an jene Küsten
aus Gold und Elfenbein, an seinen Mund.
Dort aber liegst du immer auf den Knien,
und er verwirft und wählt dich ohne Grund.
Und er befiehlt die große Mittagswende.
Die Luft zerbricht, das grün und blaue Glas,
die Sonne kocht den Fisch im seichten Wasser,
und um die Büffelherde brennt das Gras.
Ins Jenseits ziehn geblendet Karawanen,
und er peitscht Dünen durch das Wüstenland,
er will dich sehn mit Feuer an den Füßen.
Aus deinen Striemen fließt der rote Sand.
Er, fellig, farbig, ist an deiner Seite,
er greift dich auf, wirft über dich sein Garn.
Um deine Hüften knüpfen sich Lianen,
um deinen Hals kraust sich der fette Farn.
Aus allen Dschungelnischen: Seufzer, Schreie.
Er hebt den Fetisch. Dir entfällt das Wort.
Die süßen Hölzer rühren dunkle Trommeln.
Du blickst gebannt auf deinen Todesort.
Sieh, die Gazellen schweben in den Lüften,
auf halbem Wege hält der Dattelschwarm!
Tabu ist alles: Erden, Früchte, Ströme...
Die Schlange hängt verchromt an deinem Arm.
Er gibt Insignien aus seinen Händen.
Trag die Korallen, geh im hellen Wahn!
Du kannst das Reich um seinen König bringen,
du, selbst geheim, blick sein Geheimnis an.
Um den Äquator sinken alle Schranken.
Der Panther steht allein im Liebesraum.
Er setzt herüber aus dem Tal des Todes,
und seine Pranke schleift den Himmelssaum.
Ingeborg Bachmann
Donnerstag, 5. November 2009
Gedicht von Gertrud Kolmar:
Die Verlassene
An K.J.
Du irrst dich. Glaubst du, daß du fern bist
Und daß ich dürste und dich nicht mehr finden kann?
Ich fasse dich mit meinen Augen an,
Mit diesen Augen, deren jedes finster und ein Stern ist.
Ich zieh dich unter dieses Lid
Und schließ es zu und du bist ganz darinnen.
Wie willst du gehn aus meinen Sinnen,
Dem Jägergarn, dem nie ein Wild entflieht?
Du läßt mich nicht aus deiner Hand mehr fallen
Wie einen welken Strauß,
Der auf die Straße niederweht, vorm Haus
Zertreten und bestäubt von allen.
Ich hab dich liebgehabt. So lieb.
Ich habe so geweint ... mit heißen Bitten ...
Und liebe dich noch mehr, weil ich um dich gelitten,
Als deine Feder keinen Brief, mir keinen Brief mehr schrieb.
Ich nannte Freund und Herr und Leuchtturmwächter
Auf schmalem Inselstrich,
Den Gärtner meines Früchtegartens dich,
Und waren tausend weiser, keiner war gerechter.
Ich spürte kaum, daß mir der Hafen brach,
Der meine Jugend hielt - und kleine Sonnen,
Daß sie vertropft, in Sand verronnen.
Ich stand und sah dir nach.
Dein Durchgang blieb in meinen Tagen,
Wie Wohlgeruch in einem Kleide hängt,
Den es nicht kennt, nicht rechnet, nur empfängt,
Um immer ihn zu tragen.
Gertrud Kolmar
An K.J.
Du irrst dich. Glaubst du, daß du fern bist
Und daß ich dürste und dich nicht mehr finden kann?
Ich fasse dich mit meinen Augen an,
Mit diesen Augen, deren jedes finster und ein Stern ist.
Ich zieh dich unter dieses Lid
Und schließ es zu und du bist ganz darinnen.
Wie willst du gehn aus meinen Sinnen,
Dem Jägergarn, dem nie ein Wild entflieht?
Du läßt mich nicht aus deiner Hand mehr fallen
Wie einen welken Strauß,
Der auf die Straße niederweht, vorm Haus
Zertreten und bestäubt von allen.
Ich hab dich liebgehabt. So lieb.
Ich habe so geweint ... mit heißen Bitten ...
Und liebe dich noch mehr, weil ich um dich gelitten,
Als deine Feder keinen Brief, mir keinen Brief mehr schrieb.
Ich nannte Freund und Herr und Leuchtturmwächter
Auf schmalem Inselstrich,
Den Gärtner meines Früchtegartens dich,
Und waren tausend weiser, keiner war gerechter.
Ich spürte kaum, daß mir der Hafen brach,
Der meine Jugend hielt - und kleine Sonnen,
Daß sie vertropft, in Sand verronnen.
Ich stand und sah dir nach.
Dein Durchgang blieb in meinen Tagen,
Wie Wohlgeruch in einem Kleide hängt,
Den es nicht kennt, nicht rechnet, nur empfängt,
Um immer ihn zu tragen.
Gertrud Kolmar
Donnerstag, 29. Oktober 2009
Roman
Auszug "Bali"
'Ich muss schließlich Sorge tragen für sie', denke ich laut nach. Das Doktorchen greift meinen Gedanken auf. 'Für wen müssen Sie Sorge tragen, Sodo?' Für einen Moment hatte ich seine Anwesenheit vergessen. 'Für wen müssen Sie Sorge tragen?' fragt er erneut und etwas irritiert auch, dass es mich urplötzlich spitzbübisch freut, ihn mit Neuem überrascht zu haben. Ich lasse ihn mit seiner Frage ein wenig zappeln. Er scheint gefasst, um Geduld bemüht. Ich hüstle und beuge mich tief nach vorn, tue so, als müsste ich Dringendes an meinen Schuhen feststellen; tue so, als ob ich dächte, ein Knoten meiner Schürsenkel hätte sich vielleicht gelöst. Unterm Tisch hindurch sehe ich, dass er, unmerklich fast, mit einer seiner Schuhspitzen scharrt. Ich grinse. Ich richte mich wieder auf. 'Es geht um meine Freundin Betty. Ich muss da sein für sie. Sie kommt so wenig gut ohne mich zurecht.' Nun hüstelt er, verlegen. 'Betty?' 'Betty. Ja.' 'In unseren bisherigen Sitzungen erwähnten Sie bislang keine Person Betty', erklärt er sein Hüsteln. 'Soweit ich mich erinnere, sprach ich generell nicht in Ausführlichkeit von Menschen, denen ich mich nah fühle', gebe ich zur Antwort und finde mich recht schlagfertig. 'Wie nah ist Sie Ihnen?' 'Nah.' 'Durch welche Begebenheiten wurde Sie Ihnen in dieser Weise nah?' Ich schweige, denke angestrengt nach. 'Durch Intensität.' 'Durch welche Begebenheiten, Sodo? Was teilten Sie miteinander, und seit wann teilen Sie?' 'Das sind sehr viele Fragen, Doktorchen. Fragen, die es nicht braucht.' Ich fühle mich zunehmend verwirrt, und es gelingt mir nicht die Ursache der Verwirrung auszumachen. 'Immerhin, Sie sorgen sich doch um Sie, wie Sie gerade sagten. Etwas schweißte Sie einmal zusammen. Wenn man sich um einen nahen Menschen sorgt, dann doch deshalb, weil es sich in den anderen hineinversetzen lässt und man dadurch meint zu wissen, was ihm gut-, oder nicht gut tun könnte.' Ich nicke. 'So wird es dann wohl sein.' Ich lege meine Hände zusammen und auf den Schoß. Er starrt mich unverschämt eindringlich an, lässt seinen Blick nicht von mir, und ich beginne tiefen Ärger auf ihn zu fühlen. Der Ärger steigt mir von der Brust bis in den Hals und in die Kehle hinauf, brennt dort, wird zur Wut. 'Was?' rufe ich gereizt aus. 'Was ist dein Problem jetzt mit mir Doktorchen? Ich muss dir nicht Rechenschafft ablegen! Muss dir nicht jedes Detail meiner Bekanntschaften offenlegen!' Er lässt sich von meiner Wut nicht beeindrucken. 'Stehen Sie mit ihr in einer Liebesbeziehung, Sodo?' Ich springe vom Stuhl auf, zerre meinen Mantel von der Lehne. 'Oha! Ja, ich stehe mit dieser Frau in einer Liebesbeziehung! Da haben Sie ja keine Ahnung von! Keine Ahnung, wie gut es tut mit einer Frau in solch einer Liebesbeziehung zu stehen!' 'Setzen Sie sich, Sodo', fordert er mich ruhig auf. 'Wir haben noch einige Minuten.' 'Du bist ein Tollpatsch, Doktor', sage ich dieses Mal gefasst, sage ich leise, sage ich gehemmt von einem Verständnis, das sich mir auftut, und das ihn anbelangt und unter anderem dazu ist, mich von dieser Wut fortzubringen. Dieser unerklärlichen Wut auf scheinbar banale Fragen.
Sonntag, 27. September 2009
gedicht
atlantische nähen,
atlantische fernen
fast bewegst du dich lautlos,
auf sohlen, barfüßig, (und auch solchem gesicht)
in mich, hinein, es geht wohl
tiefer als ich dachte, (und mit mir ans ende)
anfangs, an den urgrund, den vereinsamten, bislang recht ungeteilten, oder:
nur gestreiften;
(ich weiß nun wirklich nicht,
ob ich zu worten komm,
mir das zutraue: ein dunkler liebeston,
der sein müsste,
jetzt)
das flattrige geschehn um uns, eingefasst mit dieser pupille,
die so nötig blick schwemmt, fortschwemmt, meint sie sich ausgesetzt in einen wald,
den wir anderntags zu unserm gebiet erklärn
und unsre stimme hochkriechen lassen an stämmen,
in wipfel legen, drauf vertraun,
dass es so schon gut ist,
und dass sich drum gekümmert wird,
um wagnis. (was es leicht macht, dadurch schwer
zu er tragen ist)
und dass ich selbst nur mir geliehen bin,
und dir -
und du mir also auch,
in logisch umgekehrter folge,
nichts versprechen kannst;
was die angstamsel auf den plan ruft, den dumm eigenen,
auf den wipfel jagt
wo -
du weißt es: alles von uns gelassene liegt
und einzusammeln sucht mit ihren sängen, denen wir späteren tags
staunend lauschen, weil gerade fremdheit wieder zwischen uns herrscht,
obwohl wir der keine krone aufsetzen,
nachts rücken im bett, ihr platz verschaffen,
(weil doch,
weil doch die amsel so hübsch und unverständlich singt)
den atlantik uns ins zimmer also holen,
der uns am morgen, im erwachen,
maßlos stört, im übrigen, und da er maßlos ist;
sodass wir uns in die ahnung kleiden, dass sie leicht ist,
so sehr, die liebe,
und dadurch schwer zu er tragen.
atlantische fernen
fast bewegst du dich lautlos,
auf sohlen, barfüßig, (und auch solchem gesicht)
in mich, hinein, es geht wohl
tiefer als ich dachte, (und mit mir ans ende)
anfangs, an den urgrund, den vereinsamten, bislang recht ungeteilten, oder:
nur gestreiften;
(ich weiß nun wirklich nicht,
ob ich zu worten komm,
mir das zutraue: ein dunkler liebeston,
der sein müsste,
jetzt)
das flattrige geschehn um uns, eingefasst mit dieser pupille,
die so nötig blick schwemmt, fortschwemmt, meint sie sich ausgesetzt in einen wald,
den wir anderntags zu unserm gebiet erklärn
und unsre stimme hochkriechen lassen an stämmen,
in wipfel legen, drauf vertraun,
dass es so schon gut ist,
und dass sich drum gekümmert wird,
um wagnis. (was es leicht macht, dadurch schwer
zu er tragen ist)
und dass ich selbst nur mir geliehen bin,
und dir -
und du mir also auch,
in logisch umgekehrter folge,
nichts versprechen kannst;
was die angstamsel auf den plan ruft, den dumm eigenen,
auf den wipfel jagt
wo -
du weißt es: alles von uns gelassene liegt
und einzusammeln sucht mit ihren sängen, denen wir späteren tags
staunend lauschen, weil gerade fremdheit wieder zwischen uns herrscht,
obwohl wir der keine krone aufsetzen,
nachts rücken im bett, ihr platz verschaffen,
(weil doch,
weil doch die amsel so hübsch und unverständlich singt)
den atlantik uns ins zimmer also holen,
der uns am morgen, im erwachen,
maßlos stört, im übrigen, und da er maßlos ist;
sodass wir uns in die ahnung kleiden, dass sie leicht ist,
so sehr, die liebe,
und dadurch schwer zu er tragen.
Donnerstag, 13. August 2009
Erzählung
Auszug "Kanon für drei Stimmen"
Am Morgen deckt er den Tisch. Er legt einen Croissant auf Nadias Teller, zündet eine Kerze an. „Gibt es was zu feiern?“, fragt Nadia, die frisch geduscht und im Bademantel in die Küche kommt. „Uns gibt es zu feiern“, entgegnet er. „Jeden Tag.“ Nadia wuschelt ihm liebevoll durchs Haar und es fühlt sich an, als sei alles gut. Er nimmt sie erleichtert in seine Arme, gräbt den Kopf in die warme parfümierte Beuge ihres Halses. „Komm“, löst er sich schließlich, schiebt einen der Stühle hervor, „setz dich, Süße. Genießen wir die Zeit, die wir für uns haben.“ Nadia wirft einen Blick auf die Küchenuhr, die über dem Gewürzbord hängt. „Naja, viel Zeit zum gemeinsamen Genießen ist nicht“, bemerkt sie. „Marill kommt in einer Stunde mit Selma zurück. Dann wollen beide Mädels von mir zum Schwimmbad gefahren werden.“ „Jesses!“, stöhnt er gespielt auf und schlägt sich mit beiden Händen auf die Schenkel. „Himmeldonnerwetter! Was die nicht alles wollen, die Mädels von heute! Ist das nicht zum Heulen, dass wir uns so korrupieren lassen von der halbwüchsigen Unterklasse!“ Nadia lacht auf, wirft ihm über den Tisch hinweg eine Kusshand zu. „Nimm's locker, Papachen! Wir kommen damit klar!“ Er nimmt das Messer zum Schmieren seines Brötchens in die Hand. „Du, oder ich?“
„Und du denkst nicht, dass das zu viel von dem Grünzeug ist?“, mault Marill und starrt angewidert auf die Brotbox, die Nadia gerade schließt. Nadia schaut entschlossen. „Nein, das denke ich nicht. Es ist ein Apfel, Marill. Weiter nichts. Ein Apfel.“ „In Scheibchen geschnitten!“, nörgelt Marill weiter. „Mensch, Mama! Das Ding pack ich nie aus! Das wird da drin faulen und schimmeln bis es stinkt! Ich tanze doch nicht an auf dem Hof und hole ne Brotbox mit geschnittenem Apfel aus dem Rucksack! Da packen sich alle weg!“ „Ist das jetzt so?“ Nadia schaut interessiert, Marill wendet sich verlegen von ihr ab. „Was glaubst du denn? Mann, so alt bist du doch noch gar nicht!“ „Na, vielleicht ja doch“, entgegnet Nadia und streicht ihrer Tochter über den Kopf. „So insgeheim.“ „Gequirlte Scheiße!“, befindet Marill und beugt sich zum Rucksack, der vor ihren Füßen liegt, herunter. „Schlechte Stimmung? Morgen, die Damen!“ Er legt einen Arm um Nadias Hüfte, zieht sie an sich. Nadia hebt den Kopf zu ihm auf und erwidert den Kuss, den er ihr auf die Lippen setzt. „Marill findet Apfelscheiben doof“, erklärt sie. „Seit sie neun ist, Baby!“, nickt er, klopft Nadia wie tröstend auf die Schulter, wirft einen Blick zur Kaffeemaschine. „Ah“, stellt er befriedigt fest. „Du hast schon einen gekocht.“ Dann sieht er lächelnd zu der verblüfft drein schauenden Nadia. „Mach dir nichts draus! Du versuchst es immer wieder! Seit vier Jahren! Das nenne ich mal mütterliche Ausdauer!“ Marill verstaut die Brotbox und schließt den Rucksack. „Ich find's nur nervig!“ „Das sollst du auch“, entgegnet er nüchtern. „Das ist die Taktik dahinter. Es soll dich solange nerven, bis du kapitulierst und jeden einzelnen nächsten Morgen mit Vehemenz deinen Apfel in Scheibchen verlangst.“ Marill verdreht die Augen, wirft sich den Rucksack über. „Ihr tickt doch beide manchmal daneben!“ Er lacht dunkel auf, nimmt sich einen Becher vom Küchenregal und gießt sich einen Kaffee ein. „Unser Mädchen wird wohlerzogen bis ans Ende ihrer Tage bleiben“, scherzt er leichthin. „Kein Grund also, sich Sorgen zu machen.“ „Schön wäre -“, sagt Marill gepresst beim Hinausgehen, „ihr würdet mich langsam ernst nehmen. Oder euch, oder so.“ Jetzt sieht er verblüfft aus. „Habe ich was verpasst?“, wendet er sich an Nadia. Nadia winkt ab und nimmt sich selbst auch einen Becher vom Küchenregal. „Ich denk mal“, meint sie dann ernst, „darüber müssen wir nachdenken.“ „Ach“, entgegnet er und tut es ab, „das ist jugendliche Laune, die sich durchschlägt. Das kommt und geht, das Aufbegehren. Fast ist sie um diese Form der Spontanität zu beneiden.“ „Wenn man Spaß an Kriegsführung hat“, erwidert sie kühl und wendet sich von ihm ab. Was das nun bedeuten solle, fragt er.
Am Morgen deckt er den Tisch. Er legt einen Croissant auf Nadias Teller, zündet eine Kerze an. „Gibt es was zu feiern?“, fragt Nadia, die frisch geduscht und im Bademantel in die Küche kommt. „Uns gibt es zu feiern“, entgegnet er. „Jeden Tag.“ Nadia wuschelt ihm liebevoll durchs Haar und es fühlt sich an, als sei alles gut. Er nimmt sie erleichtert in seine Arme, gräbt den Kopf in die warme parfümierte Beuge ihres Halses. „Komm“, löst er sich schließlich, schiebt einen der Stühle hervor, „setz dich, Süße. Genießen wir die Zeit, die wir für uns haben.“ Nadia wirft einen Blick auf die Küchenuhr, die über dem Gewürzbord hängt. „Naja, viel Zeit zum gemeinsamen Genießen ist nicht“, bemerkt sie. „Marill kommt in einer Stunde mit Selma zurück. Dann wollen beide Mädels von mir zum Schwimmbad gefahren werden.“ „Jesses!“, stöhnt er gespielt auf und schlägt sich mit beiden Händen auf die Schenkel. „Himmeldonnerwetter! Was die nicht alles wollen, die Mädels von heute! Ist das nicht zum Heulen, dass wir uns so korrupieren lassen von der halbwüchsigen Unterklasse!“ Nadia lacht auf, wirft ihm über den Tisch hinweg eine Kusshand zu. „Nimm's locker, Papachen! Wir kommen damit klar!“ Er nimmt das Messer zum Schmieren seines Brötchens in die Hand. „Du, oder ich?“
„Und du denkst nicht, dass das zu viel von dem Grünzeug ist?“, mault Marill und starrt angewidert auf die Brotbox, die Nadia gerade schließt. Nadia schaut entschlossen. „Nein, das denke ich nicht. Es ist ein Apfel, Marill. Weiter nichts. Ein Apfel.“ „In Scheibchen geschnitten!“, nörgelt Marill weiter. „Mensch, Mama! Das Ding pack ich nie aus! Das wird da drin faulen und schimmeln bis es stinkt! Ich tanze doch nicht an auf dem Hof und hole ne Brotbox mit geschnittenem Apfel aus dem Rucksack! Da packen sich alle weg!“ „Ist das jetzt so?“ Nadia schaut interessiert, Marill wendet sich verlegen von ihr ab. „Was glaubst du denn? Mann, so alt bist du doch noch gar nicht!“ „Na, vielleicht ja doch“, entgegnet Nadia und streicht ihrer Tochter über den Kopf. „So insgeheim.“ „Gequirlte Scheiße!“, befindet Marill und beugt sich zum Rucksack, der vor ihren Füßen liegt, herunter. „Schlechte Stimmung? Morgen, die Damen!“ Er legt einen Arm um Nadias Hüfte, zieht sie an sich. Nadia hebt den Kopf zu ihm auf und erwidert den Kuss, den er ihr auf die Lippen setzt. „Marill findet Apfelscheiben doof“, erklärt sie. „Seit sie neun ist, Baby!“, nickt er, klopft Nadia wie tröstend auf die Schulter, wirft einen Blick zur Kaffeemaschine. „Ah“, stellt er befriedigt fest. „Du hast schon einen gekocht.“ Dann sieht er lächelnd zu der verblüfft drein schauenden Nadia. „Mach dir nichts draus! Du versuchst es immer wieder! Seit vier Jahren! Das nenne ich mal mütterliche Ausdauer!“ Marill verstaut die Brotbox und schließt den Rucksack. „Ich find's nur nervig!“ „Das sollst du auch“, entgegnet er nüchtern. „Das ist die Taktik dahinter. Es soll dich solange nerven, bis du kapitulierst und jeden einzelnen nächsten Morgen mit Vehemenz deinen Apfel in Scheibchen verlangst.“ Marill verdreht die Augen, wirft sich den Rucksack über. „Ihr tickt doch beide manchmal daneben!“ Er lacht dunkel auf, nimmt sich einen Becher vom Küchenregal und gießt sich einen Kaffee ein. „Unser Mädchen wird wohlerzogen bis ans Ende ihrer Tage bleiben“, scherzt er leichthin. „Kein Grund also, sich Sorgen zu machen.“ „Schön wäre -“, sagt Marill gepresst beim Hinausgehen, „ihr würdet mich langsam ernst nehmen. Oder euch, oder so.“ Jetzt sieht er verblüfft aus. „Habe ich was verpasst?“, wendet er sich an Nadia. Nadia winkt ab und nimmt sich selbst auch einen Becher vom Küchenregal. „Ich denk mal“, meint sie dann ernst, „darüber müssen wir nachdenken.“ „Ach“, entgegnet er und tut es ab, „das ist jugendliche Laune, die sich durchschlägt. Das kommt und geht, das Aufbegehren. Fast ist sie um diese Form der Spontanität zu beneiden.“ „Wenn man Spaß an Kriegsführung hat“, erwidert sie kühl und wendet sich von ihm ab. Was das nun bedeuten solle, fragt er.
Sonntag, 9. August 2009
gedicht

junge füchse in nähe und abend
ich habe eine landbewegung in den knochen
gespürt, wenig dabei gelitten, ich dachte,
es würde mehr, blieb aber, wie ein handstreif,
flüchtig zunächst. und lichter der stadt:
hochgehangen, baumelnde köpfe, zu denen es musste,
mein blankes aufschaun, da alles versuchte,
in mich zu dringen: lächeln, erstaunen, wut.
und wie ich einsank, dem mund einen hunger zugestand,
die triebe des dickkichts auf meinem teller,
die blühe des seins in manngestalt neben mir -
legte sich mull in meinen bruch mit der liebe.
gewidmet
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